Offener Brief

Frau Dr. Christine Bergmann
Kampagne "Mehr Respekt vor Kindern"
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend


Von: Maennerweg@aol.com

Gesendet: Freitag, 15. Dezember 2000 21:45

Betreff: Offener Brief


Liebe Kollegen und einige Kolleginnen,

wir wenden uns an Sie/Euch mit der Bitte um Unterstützung in einer – wie wir
finden – notwendigen Angelegenheit.

Angehängt ist ein Offener Brief, den wir aufgrund unseres Unverständnisses
und auch Ärgers gegenüber Teilen der aktuellen Kampagne "Mehr Respekt vor
Kindern" des Bundesministeriums verfaßt haben (wer diese noch nicht kennt:
Informationen gibt es unter www.mehr-respekt-vor-kindern.de; siehe z.B. auch
aktuelle SPIEGEL-Ausgabe Nr. 50, S.40/41). Der Brief soll in der
Januarausgabe des "Switchboard. Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit"
veröffentlicht werden.

Wir würden uns freuen, wenn Du/Ihr/Sie bereit wärst, diesen Brief mit zu
unterzeichnen (*), der dann - mit allen Namen und ggf. Berufs- oder
Organisationsbezeichnungen - Frau Bergmann am 21. Dezember zugehen soll.


Grüße und Dank für jede Beteiligung

Alexander Bentheim und Susanne Ehrchen


(*) Wem wir mit der Zusendung dieser mail zu nahe treten, den/die bitten wir
um Entschuldigung. Wer weitere Personen kennt, die den Brief unterschreiben
würden, den/die bitten wir um Weiterleitung der mail. Adressen für
Unterzeichner/innen (bis einschl. 20.12.): eMail: maennerweg@aol.com, Fax:
040. 38 19 07 oder Postanschrift: c/o Switchboard, Postfach 65 81 20, 22374
Hamburg

Offener Brief

Frau Dr. Christine Bergmann
Kampagne "Mehr Respekt vor Kindern"
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
11018 Berlin



Sehr geehrte Frau Dr. Bergmann,

mit Freude haben wir zur Kenntnis genommen, daß Ihr Ministerium mit der
Kampagne "Mehr Respekt vor Kindern" endlich auch in dieser öffentlichen Form
das Recht von Mädchen und Jungen auf gewaltfreie Erziehung aufgreift. Diese
Initiative ist, da sie lange überfällig war, sehr zu begrüßen. Auch halten
wir die Begleitmaterialien für insgesamt gut dargestellt und sicher
hilfreich
vor Ort, wo qualifizierte Fachleute sich um die Anliegen der Mädchen und
Jungen, Mütter und Väter kümmern.

Wie möchten jedoch anmerken, daß uns manche Inhalte für das Anliegen der
Kampagne wenig förderlich erscheinen. Befremdlich ist z.B. die fotografische
Darstellung aller Kinder in Unterhemden, welche – da auf der Grenze zu einer
sexualisierenden Ästhetik - die beabsichtigte Aufmerksamkeit auf deren
Gewalterfahrungen in den Hintergrund rücken läßt.

Worüber wir allerdings sehr erstaunt und auch besorgt sind, ist die von
Ihrem
Ministerium vertretene Auffassung, die sich auf dem Jungen-Plakat
widerfindet
in der Textzeile: "Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen".

Wieso beläßt man es nicht dabei, auch Jungen als Opfer von Gewalt
anzuerkennen? Wieso werden verletzte Jungen unmittelbar als spätere Schläger
benannt? Wieso müssen Jungen erst als gefährlich erscheinen, bevor man ihre
Schmerzen sieht?
Wir halten diesen Satz für beschämend gegenüber gewaltbetroffenen Jungen!
Was
müssen diese Jungen fühlen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit einem
solchen
Text gegenüber sehen? Sie werden sich erneut unverstanden und abgelehnt
fühlen - möglicherweise aber bestärkt darin, sich dann ebenfalls gewaltsam
wehren zu dürfen, wenn sie verletzt wurden.

Wir können auch nicht nachvollziehen, warum in den Begleitmaterialien zur
Kampagne zwar durchweg von "Kindern" – also Mädchen und Jungen - die Rede
ist, nur im Falle des Jungen-Plakates jedoch der zwangsläufige Zusammenhang
von erlittener Mißhandlung und später selbst ausgeübter Gewalt unterstellt
wird. Anhand der Bildunterschriften konkret: Wieso wird bei den Mädchen von
"Demütigung", "entwürdigenden Bestrafungen" und "seelischen Verletzungen"
gesprochen, bei dem Jungen hingegen vom "Teufelskreis der Gewalt"?
Die Botschaft, die damit ankommt, ist: Jungen dürfen nicht geschlagen
werden,
weil sie sonst selbst einmal (zurück)schlagen werden. Was jedoch untergeht,
ist: Jungen dürfen nicht geschlagen werden, weil auch sie ein Recht auf
gewaltfreie Erziehung haben!

Um es auf den Punkt zu bringen: Mit dieser Aussage werden nicht nur die
klassischen Rollen- und Gewaltklischees bedient, es wird erneut der zwar
landläufige - aber nicht zulässige - Automatismus "Vom Opfer zum Täter"
hergestellt. Und es werden auch die vielen, z.T. jahrelangen Bemühungen um
eine andere, geschlechts- und konfliktbewußte Jungenarbeit nicht ernst
genommen.

Frau Dr. Bergmann, das kann doch nicht in Ihrem Sinne und Absicht der
Kampagne sein!

Weil wir dieses Aktionsprogramm - das sich ja "Mehr Respekt" nicht nur vor
Mädchen, sondern auch vor Jungen zum Ziel gesetzt hat - für wichtig und
richtig halten, und weil wir wollen, daß die beabsichtigte "kritische
Auseinandersetzung mit Gewalt" (Kampagnen-Broschüre, S.10) gefördert wird,
bitten wir Sie und Ihr Ministerium nachdrücklich darum, die genannte
Textpassage zu entfernen, sie zu überarbeiten und durch eine solche (wie
z.B.
bei den Mädchen-Plakaten) zu ersetzen, die das Leiden und die Not auch der
be
troffenen Jungen thematisiert!

Wir denken, daß nur unter einer solchen Perspektive ein neues Nachdenken
beginnen und ein wirklicher Wandel hinsichtlich der Gewalt an Mädchen und
Jungen einsetzen kann.


Wir würden uns über eine Antwort freuen und über Mitteilungen zu den
Schritten, die Sie in dieser Angelegenheit zu tun gedenken.



Mit freundlichem Gruß

Alexander Bentheim, Bildungsreferent und Verleger / männerwege, Hamburg
Susanne Ehrchen, Physiotherapeutin


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Switchboard - Zeitschrift für Männer- und Jungenarbeit
ISSN 1433-3341
Seit Februar 1989

erscheint monatlich im
Verlag männerwege, Postfach 65 81 20, 22374 Hamburg
fon/fax 040. 38 19 07, eMail: maennerweg@aol.com

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